Störungsbeseitigung – Sicher arbeiten auf Straßenbahndächern

Arbeiten auf freier Strecke an einem defekten Stromabnehmer sind immer mit besonderen Gefährdungen verbunden. Die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) und die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen Aktiengesellschaft (BOGESTRA) haben unabhängig voneinander eine sichere Lösung für diese besondere Herausforderung erarbeitet.

Während des Betriebs in Verkehrsunternehmen gibt es Situationen, in denen aufwendige Arbeiten außerhalb des dafür vorgesehenen Arbeitsbereichs durchgeführt werden müssen. Eine dieser Situationen ist ein abgerissener oder umgeschlagener Stromabnehmer auf dem Fahrzeugdach von Straßenbahnen. Das kommt selten vor, ist dann aber mit besonderen Gefährdungen verbunden. Denn in solchen Fällen kann die Bahn weder selbst fahren noch abgeschleppt werden. Deshalb ist zur Beseitigung der Störung auf der freien Strecke ein Aufstieg aufs Fahrzeugdach notwendig, und das kann zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei allen Witterungsbedingungen eintreten.

Gefährdungen

In der Werkstatt stehen den Beschäftigten für Arbeiten auf dem Fahrzeugdach speziell dafür eingerichtete Dacharbeitsstände zur Verfügung. Bei der Störungsbeseitigung auf freier Strecke bestehen hingegen deutlich höhere Gefährdungen, da keine Aufstiegshilfen oder Dachbühnen, die Schutz gegen Absturzgefahren bieten, vorhanden sind.

Sowohl bei der SSB als auch bei der BOGESTRA ergab sich aus der Gefährdungsbeurteilung für die bestehenden Arbeitsprozesse, dass diese angepasst werden mussten. In Zusammenarbeit der beteiligten Fachbereiche und der Fachkräfte für Arbeitssicherheit wurden zunächst die Prozesse und Gefährdungen erfasst. Anschließend wurden anhand des Handlungszyklus der Gefährdungsbeurteilung die jeweiligen Lösungsansätze erarbeitet. Dabei wurden das Vorgehen, die benötigte Technik und die zu beteiligenden Personale festgelegt.

Entsprechend der Risikomatrix (Beurteilung des Risikos und der Notwendigkeit für entsprechende Maßnahmen anhand der anzunehmenden Schadensschwere und der Eintrittswahrscheinlichkeit) ergaben sich in erster Linie folgende Gefährdungen:

  • Absturz aufgrund fehlender Absturzsicherung,
  • Absturz wegen eingeschränkter Standsicherheit auf dem Fahrzeugdach,
  • Fehlen geeigneter Aufstiegshilfen,
  • Einwirken des Individualverkehrs, zum Beispiel durch Auffahren, sowie
  • mögliches Fehlverhalten von Mitarbeitenden.

Weitere Gefährdungen wurden als wichtige Einflussfaktoren mit betrachtet:

  • Fahrstrom,
  • Tätigkeiten an Fahrzeugkomponenten oder
  • Witterungsbedingungen.

Die nachfolgend beschriebenen Maßnahmen konzentrieren sich auf das Erreichen des Fahrzeugdachs und die Absturzgefahr. Dabei war neben vielen anderen Parametern unter anderem die statische Prüfung der Oberleitungen zu berücksichtigen. Diese hatte ergeben, dass der Fahrdraht allein nicht als sicherer Anschlagpunkt für ein Auffangsystem verwendet werden kann.

Berechnungen der SSB auf Basis der DGUV Information 201-056 und unter Berücksichtigung der vorliegenden Oberleitungsbauweise zeigen, dass an Oberleitungsanlagen die Rückhaltewirkung für ein Rückhaltesystem gegeben ist, soweit die Feldlängen kleiner als 50 Meter sind. So können die Teile der Oberleitungsanlage bei der SSB zum Sichern mit einem Rückhaltesystem genutzt werden.

Voraussetzungen für die Durchführung

Vor dem Beginn der Arbeiten müssen in beiden Unternehmen einige insbesondere sichernde Maßnahmen getroffen werden:

  • Die Fahrleitungsanlage wird im betroffenen Bereich freigeschaltet.
  • Anschließend wird die Anlage über den Rückleiter (Schiene) kurzgeschlossen und geerdet.
  • Das Oberleitungsmontagefahrzeug (Hubsteiger oder Turmdrehwagen) wird parallel zum Schienenfahrzeug positioniert.
  • Der Einsatzort der Fahrzeuge wird gegen Gefährdungen durch den Individual- und Bahnverkehr gesichert.
  • Zudem wird geprüft, ob die Beschäftigten vor Ort mit den notwendigen Werkzeugen und der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) ausgestattet sind.

Das Vorgehen der SSB

Wenn im Streckennetz der SSB eine Straßenbahn aufgrund eines defekten Stromabnehmers auf freier Strecke stehen bleibt, dann gibt es für die Arbeiten auf dem Fahrzeugdach inzwischen einen sicheren Prozess. Dabei kommt in Stuttgart ein Oberleitungsmontagefahrzeug zum Einsatz. Die Monteure nutzen zur Sicherung auf dem Fahrzeug ein Auffangsystem, bestehend aus Auffanggurt, Höhensicherungsgerät (HSG) mit Bandfalldämpfer und einer Bandschlinge mit integriertem Karabiner. Für das Rückhaltesystem wird zusätzlich ein Verbindungsmittel mit Bandfalldämpfer und Karabiner verwendet.

Damit im Ernstfall alle Arbeitsschritte reibungslos ablaufen, müssen diese auch bei der SSB regelmäßig geübt werden. Nachdem der Einsatzleiter aus dem Bereich Fahrstrom die Arbeitsfreigabe für den Stromabnehmer- und Oberleitungsbereich erteilt hat, legen die Fahrleitungsmonteure Oliver Cicione und Julian Rühling ihre persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) an. Anschließend sichern sie sich an den Anschlagpunkten in der Arbeitsbühne des Oberleitungsmontagefahrzeugs.Ihr Kollege Uwe Händgen, der das Montagefahrzeug bedient, fährt zunächst die Arbeitsbühne hoch und bringt diese so in Position, dass ein sicherer Überstieg auf die Stadtbahn erfolgen kann. Dazu positioniert er die Bühnentür direkt an der Dachkante des Stadtbahnwagens. Die zwei an den Anschlagpunkten gesicherten Fahrleitungsmonteure öffnen die Bühnentür und steigen auf das Fahrzeugdach über. Für die Dauer des Überstiegs deaktiviert Händgen die Funktionen der Arbeitsbühne.Nach dem Überstieg sichern sich Cicione und Rühling vorübergehend an der Oberleitung oder an einer vordefinierten, tragfähigen Fahrzeugkomponente. Dafür nutzen sie ein in der Länge vordefiniertes Verbindungsmittel mit integriertem Bandfalldämpfer. Das System fungiert hier als Rückhaltesystem, das verhindert, dass die Monteure bis zur Absturzkante gelangen können, während die Arbeitsbühne verschwenkt wird.

Vor dem Verschwenken lösen Cicione und Rühling die Verbindung zu den Anschlagpunkten der Arbeitsbühne, damit keine Verbindung zur Bühne besteht. Anschließend dreht Händgen die Arbeitsbühne um 90 Grad. Hierbei manövriert er deren lange Seite so nah wie möglich an die Absturzkante heran. Die Arbeitsbühne erfüllt nun mehrere Sicherheitsfunktionen: Zum einen bildet sie ein Geländer an der Absturzkante des Fahrzeugs, zum anderen fungiert sie nun auch wieder als Anschlagpunkt.Nach der Positionierung deaktiviert Händgen die Bühnenfunktionen wieder und seine Kollegen sichern sich erneut an den Anschlagpunkten für das Auffangsystem an der Arbeitsbühne. Nun trennen sie das Verbindungsmittel des Rückhaltesystems von der Oberleitungsanlage beziehungsweise vom Fahrzeug. Anschließend können sie ihre eigentliche Tätigkeit auf dem Fahrzeugdach aufnehmen.

Für den Fall, dass die Arbeitsbühne während der Tätigkeiten umpositioniert werden muss, werden die Bühnenfunktionen nur nach Rücksprache zwischen den Fahrleitungsmonteuren und dem Bediener wieder aktiviert. In dem Fall stellen die Monteure die Arbeiten ein, sichern sich an der Oberleitung und lösen die Verbindung zur Arbeitsbühne. Nach erfolgter Tätigkeit auf dem Fahrzeugdach wird der oben genannte Ablauf in umgekehrter Reihenfolge ausgeführt.

Im Falle einer Störung der Arbeitsbühnensteuerung des Oberleitungsmontagefahrzeugs ist der Einsatzleiter Fahrstrom vor Ort dafür qualifiziert, die Notsteuerung vom Boden aus zu bedienen.

Das Vorgehen der BOGESTRA

Die BOGESTRA hat festgelegt, dass für die Störungsbeseitigung auf Schienenfahrzeugdächern auf der Strecke stets ein Hubsteiger verwendet wird, um einen Beschäftigten der Werkstatt mittels Arbeitskorb auf das Fahrzeugdach zu heben. Das Besteigen des Dachs mit einer Leiter ist untersagt.

Zur Sicherung auf dem Fahrzeug wird bei der BOGESTRA ein Auffangsystem, bestehend aus Auffanggurt und Zwei-Punkt-Sicherungsgerät mit zwei Höhensicherungsgeräten (HSG), Bandfalldämpfern und Karabinern, genutzt. Für die Sicherung im Arbeitskorb wird zusätzlich eine Bandschlinge verwendet.Die BOGESTRA hat entschieden, dass für den sicheren Prozess mindestens zwei Beschäftigte notwendig sind. Ebenso ist es wichtig, den Prozess regelmäßig zu trainieren. Oliver Wieskämper, Mitarbeiter für Fahrzeugbereitstellung und Streckenentstörung aus dem Bereich Fahrzeuginstandhaltung, und sein Kollege Tobias Spielmann, Oberleitungsmonteur aus dem Bereich Instandhaltung Infrastruktur, trainieren die Abläufe auf dem Betriebshof Engelsburg in Bochum. Dafür sichern sich beide zunächst mit persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA). Spielmann übernimmt die Steuerung des Arbeitskorbs und führt diesen so nah wie möglich an das Schienenfahrzeugdach heran.

Anschließend steigt sein Kollege Wieskämper vom Steiger auf das Fahrzeugdach über. Dabei bleibt er am Korb gesichert und schlägt sich zusätzlich an der Oberleitung an. Zur Sicherung sowohl im Korb als auch an der Oberleitung verwendet er dabei das Zwei-Punkt-Sicherungsgerät.

Im Anschluss löst Wieskämper die Verbindung zum Anschlagpunkt im Arbeitskorb. Zu diesem Zeitpunkt verharrt der Instandhaltungsmonteur auf einem sicheren Standort, ohne Arbeiten auszuführen. Währenddessen hebt Kollege Spielmann den Arbeitskorb auf die Höhe und in die Nähe des Fahrdrahts. Dort oben schaltet er die Bedienung ab, sodass der Arbeitskorb nicht ungewollt in Bewegung gesetzt werden kann.

Unter ihm auf dem Fahrzeugdach schlägt sich Wieskämper nun wieder am Anschlagpunkt des Arbeitskorbs an. Dafür verwendet er eine Bandschlinge, die für die Führung über den Rand des Arbeitskorbs ausgelegt ist. Der Arbeitskorb dient so für die Tätigkeiten auf dem Fahrzeugdach als fester Anschlagpunkt oberhalb der Arbeitshöhe. Die Sicherung in der Oberleitung kann nun entfernt werden.

Erst jetzt beginnt der Monteur gesichert mit den Instandsetzungsarbeiten auf dem Fahrzeugdach. Nach Beendigung dieser Tätigkeiten erfolgt der Arbeitsprozess in umgekehrter Reihenfolge.

Fazit

Diese dargestellten Vorgehensweisen beider Unternehmen bilden eine Möglichkeit für die sichere Störungsbeseitigung auf Fahrzeugdächern im Streckennetz. Bei der Auswahl des Vorgehens sind die vorhandenen Arbeitsmittel, Fahrzeuge und spezifischen Situationen vor Ort zu berücksichtigen. In jedem Fall sind die Mitarbeitenden jährlich zu unterweisen. Das Vorgehen muss regelmäßig geübt werden.

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